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Zwei Beachheads: Warum jedes Deep-Tech-Venture einen schnellen Weg zum Umsatz braucht

Eine starke Technologie schützt nicht vor einem schwachen Sektor. Warum frühe Ventures neben der großen Wette einen zweiten, schnelleren Markt brauchen — und warum die Sektorstimmung vor der Gründung geprüft wird, nicht danach.

Collage: eine Küste mit Leuchtturm, an der ein großes Schiff und ein Ruderboot anlegen, eine Seekarte mit zwei Routen, ein Barometer, das auf Sturm fällt, und eine Wetterfahne
ABB. 13Wissen № 13
Inhalt07 Abschnitte
  1. § 01 Ein Sektor verliert 95 Prozent seines Kapitals
  2. § 02 Das ist kein Einzelfall
  3. § 03 Fairerweise: Deep Tech insgesamt ist robuster als ihr Ruf
  4. § 04 Investoren kaufen eine Kostenkurve, keine Wissenschaft
  5. § 05 Die zweite Beachhead
  6. § 06 Sektorstimmung gehört in die Prüfung vor der Gründung
  7. § 07 Quellen
  1. Ein junges Unternehmen aus einem Industrielabor pitcht seine Technologie für kultiviertes Fleisch. Die Termine mit Investoren füllen sich von selbst, die Fragen drehen sich um Bewertung und Tempo, nicht um das Ob.

  2. Dasselbe Unternehmen, derselbe Pitch, inzwischen mit besseren Daten und einem weiterentwickelten Prototyp. Die Termine bleiben leer.

Die Technologie war 2023 besser als 2021. Das Geld war weg.

Ein Sektor verliert 95 Prozent seines Kapitals

Das Beispiel ist erfunden, die Zahlen sind es nicht. Das Good Food Institute verfolgt die Investitionen in kultiviertes Fleisch seit Jahren. 2021 flossen rund 1,4 Milliarden Dollar in die Unternehmen der Branche. 2022 waren es 922 Millionen, 2023 noch 226 Millionen, 2024 144 Millionen. 2025 kamen 73,9 Millionen Dollar zusammen. Das ist ein Rückgang um rund 95 Prozent in vier Jahren.

Zwei Details machen das Bild noch deutlicher. Von 2022 auf 2023 hat sich die Zahl der Investoren, die überhaupt noch in den Sektor investierten, fast halbiert, von 204 auf 111. Und laut GFI fielen die zehn größten Finanzierungsrunden der Branchengeschichte alle in die Niedrigzinsphase von 2020 bis 2022. Die drei größten Deals des Jahres 2025 schaffen es jeweils nicht einmal unter die zwanzig größten aller Zeiten.

Die Technologie hat sich in dieser Zeit nicht verschlechtert. Das Klima hat sich gedreht.

Das ist kein Einzelfall

Wer glaubt, das sei eine Besonderheit der Alternativ-Proteine, sollte sich Cleantech anschauen. Forscher des MIT haben die erste Cleantech-Welle ausgewertet: Venture-Capital-Fonds haben zwischen 2006 und 2011 über 25 Milliarden Dollar in Cleantech-Start-ups gesteckt und mehr als die Hälfte davon verloren. Besonders hart traf es Unternehmen mit neuen Materialien, Chemien oder Verfahren, die nie den Maßstab der Serienfertigung erreichten. Sie brachten nur ein Sechstel des eingesetzten Kapitals zurück. Cleantech-Software dagegen kam auf rund das 3,5-Fache.

Die Forschung zu Investitionszyklen zeigt ein ähnliches Muster. Nanda und Rhodes-Kropf haben VC-finanzierte Start-ups über mehr als zwei Jahrzehnte untersucht. Wer seine erste Finanzierung in einem heißen Markt bekommt, geht seltener an die Börse. Fairerweise zeigen sie auch die andere Seite: Die Unternehmen aus heißen Phasen sind innovativer, haben mehr Patente, und wenn sie an die Börse gehen, dann zu höheren Bewertungen. Heiße Märkte finanzieren mutigere Ideen. Sie lassen sie nur auch öfter hängen.

Fairerweise: Deep Tech insgesamt ist robuster als ihr Ruf

Jetzt wäre es bequem zu sagen: Deep Tech ist eben zyklisch. Das stimmt so nicht. Laut Dealroom flossen 2021 rund 20,9 Milliarden Dollar Venture Capital in europäische Deep-Tech-Unternehmen, 2024 waren es 15,1 Milliarden. Ein Minus von 28 Prozent, während klassische Tech im selben Zeitraum um 60 Prozent einbrach. Dealroom nennt Deep Tech deshalb eine Absicherung gegen Momentum-Investing.

Genau das macht die Sache tückisch. Das Gesamtbild sieht stabil aus, während einzelne Sektoren komplett einbrechen. Wer nur auf die Deep-Tech-Statistik schaut, übersieht, dass sein eigener Markt gerade austrocknet.

Investoren kaufen eine Kostenkurve, keine Wissenschaft

Bevor es um den zweiten Markt geht, ein Wort zur Geschichte, die ein Venture erzählt. Am Beispiel kultiviertes Fleisch sieht man gut, worauf Investoren am Ende schauen. Die Techno-Economic Analysis von CE Delft kommt zu dem Ergebnis, dass die Kosten heute um den Faktor 100 bis 10.000 über dem Zielwert liegen. Selbst ihre optimistischen Szenarien für 2030 funktionieren nur, wenn Wachstumsfaktoren und rekombinante Proteine drastisch billiger werden und die Renditeerwartung weit unter dem liegt, was kommerzielle Investoren üblicherweise verlangen. David Humbird kommt in seiner Analyse selbst für unstrukturierte Zellmasse auf 37 bis 51 Dollar pro Kilo, bei einem Zielwert von 25. Strukturierte Produkte, also echte Stücke statt Zellbrei, sind ein zusätzlicher, teurerer Schritt.

Die Lehre daraus: Kein Investor finanziert ein neuartiges Verfahren. Er finanziert, was das Verfahren billiger, schneller oder überhaupt erst möglich macht. Eine Technologie, die einen bekannten Kostentreiber direkt angreift, verkauft sich mit einem Satz. „Es macht X billiger" schlägt „ein neuartiger Prozess auf Basis von Y" jedes Mal. Meiner Erfahrung nach scheitern viele Pitches aus Laboren nicht an der Technologie, sondern daran, dass sie die Wissenschaft erzählen statt die Rechnung.

Die zweite Beachhead

Jetzt zum Kern. Eine Technologie aus dem Labor hat fast immer mehr als eine Anwendung. Oft gibt es die große Wette, also den Markt mit dem höchsten Wert und dem längsten Weg. Und es gibt eine kleinere, schnellere Anwendung, die mit derselben Technologie und wenig zusätzlicher Entwicklung Umsatz bringen kann.

Gruber, MacMillan und Thompson haben in Management Science gezeigt: Gründer, die vor dem ersten Markteintritt mehrere Marktoptionen identifizieren, schneiden besser ab. Der Effekt hat abnehmende Grenzerträge. Zwei, drei echte Optionen helfen, zehn helfen nicht mehr.

Und hier gehört der stärkste Einwand hin. Gans, Stern und Wu argumentieren, dass Gründer vor mehreren gleich guten Alternativen stehen und sich bewusst gegen die meisten entscheiden müssen, weil sie nicht alle zugleich verfolgen können. Geoffrey Moore predigt seit Jahrzehnten dasselbe: eine Nische, voller Fokus. Beide haben recht. Wer zwei Märkte mit voller Kraft gleichzeitig bearbeitet, bearbeitet keinen richtig.

Der Ausweg ist keine Doppelstrategie, sondern eine Reihenfolge mit Plan B. Die große Wette bleibt die große Wette. Die zweite Anwendung ist vor der Gründung identifiziert, technisch geprüft und mit ersten Gesprächen unterlegt. Sie läuft parallel mit kleinem Einsatz oder liegt bereit. Kippt das Klima im ersten Markt, kann das Unternehmen umschwenken, ohne bei null anzufangen. Dass so etwas funktioniert, zeigt eine Feldstudie mit 116 italienischen Start-ups von Camuffo und Kollegen: Gründer, die ihre Annahmen systematisch testen, schwenken häufiger um, geben aber nicht häufiger auf. Wer seine Optionen kennt, wechselt den Kurs, statt unterzugehen.

Sektorstimmung gehört in die Prüfung vor der Gründung

Daraus folgt eine praktische Konsequenz für jeden Carve-out und jede Ausgründung. Die Frage „Wie ist die Stimmung in diesem Sektor?" gehört nicht in die Zeit nach der Gründung, wenn das Geld knapp wird. Sie gehört in die erste Prüfung, neben IP, Reifegrad und Markt.

Was dabei auf den Tisch muss: Wie hat sich das investierte Volumen im Sektor in den letzten drei Jahren entwickelt? Wie viele aktive Investoren gibt es noch? Wie stark hängt die Finanzierung am Zinsniveau? Und lässt sich die zweite Anwendung unabhängig vom ersten Markt finanzieren? Wenn alle Antworten in dieselbe Richtung zeigen, ist das keine Absage an die Technologie. Es ist eine Absage an die Annahme, dass sie sich in diesem Markt von allein finanziert.

Plane die große Wette. Aber gründe erst, wenn du weißt, wovon das Unternehmen lebt, falls sie platzt.

Quellen

  • Good Food Institute, „2021 State of the Industry Report: Cultivated Meat" (2022): Investitionen 2021 rund 1,36 bzw. 1,38 Mrd. $ (im Bericht uneinheitlich, hier gerundet ~1,4 Mrd. $) — gfi.org
  • Good Food Institute, „2023 State of the Industry: Cultivated Meat and Seafood" (Zusammenfassung): 922 Mio. $ (2022), 226 Mio. $ (2023), Zahl der Investoren 204 → 111 — gfi.org
  • Good Food Institute, „2024 State of the Industry: Cultivated Meat and Seafood" (Zusammenfassung): die zehn größten Runden alle in der Niedrigzinsphase 2020–2022 — gfi.org
  • Good Food Institute, „Cultivated meat and seafood: State of the Industry Report" (Website, Stand 2026): 73,9 Mio. $ (2025) nach revidiert 144 Mio. $ (2024), größte Deals 2025 außerhalb der Top 20 aller Zeiten — gfi.org
  • Gaddy, Sivaram, O'Sullivan, „Venture Capital and Cleantech: The Wrong Model for Clean Energy Innovation", MIT Energy Initiative Working Paper MITEI-WP-2016-06 (2016); veröffentlicht mit Jones und Wayman in Energy Policy 102 (2017): über 25 Mrd. $ 2006–2011, mehr als die Hälfte verloren, Material- und Verfahrensunternehmen ein Sechstel zurück, Software ca. 3,5-fach — Working Paper, doi.org
  • Nanda, Rhodes-Kropf, „Investment Cycles and Startup Innovation", Journal of Financial Economics 110(2) (2013): Finanzierung in heißen Märkten senkt die IPO-Wahrscheinlichkeit, Unternehmen sind aber innovativer und bei IPO höher bewertet — doi.org
  • Dealroom, „Deep Tech Report 2025" (2025): VC in europäisches Deep Tech 20,9 Mrd. $ (2021) → 15,1 Mrd. $ (2024), −28 % gegenüber −60 % bei klassischer Tech — dealroom.co
  • CE Delft, „TEA of Cultivated Meat" (2021, Corrigendum 2021): Kosten heute Faktor 100–10.000 über Zielwert, Szenarien 2030 nur mit drastischen Kostensenkungen und Renditeerwartung unter kommerzieller Praxis — gfieurope.org
  • Humbird, „Scale-Up Economics for Cultured Meat", Biotechnology and Bioengineering 118 (2021): 37–51 $/kg für unstrukturierte Zellmasse bei Zielwert 25 $/kg, strukturierte Produkte als zusätzlicher Schritt — doi.org
  • Gruber, MacMillan, Thompson, „Look Before You Leap: Market Opportunity Identification in Emerging Technology Firms", Management Science 54(9) (2008): mehrere identifizierte Marktoptionen vor dem Eintritt verbessern die Performance, mit abnehmenden Grenzerträgen — doi.org
  • Gans, Stern, Wu, „Foundations of Entrepreneurial Strategy", Strategic Management Journal 40(5) (2019): mehrere gleich gute Alternativen, Gründer müssen sich gegen die meisten entscheiden — doi.org
  • Camuffo, Cordova, Gambardella, Spina, „A Scientific Approach to Entrepreneurial Decision Making: Evidence from a Randomized Control Trial", Management Science 66(2) (2020): 116 Start-ups, systematisch testende Gründer schwenken häufiger um, geben nicht häufiger auf — doi.org
mantro team collaborating on a venture project

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