Wissen — 10 Min. LesezeitMünchen · 48.10° N, 11.53° E

Gestrandetes IP: Warum ein Carve-out keine Transaktion ist

In Konzernen liegt mehr Technologie in der Schublade, als der Markt je zu sehen bekommt. Warum sie dort strandet — und warum ein Carve-out kein Deal ist, sondern ein Company Build

Collage: Aktenschrank mit offener Schublade, aus der eine Blaupause aufsteigt und zum Gebäude wird, Schlüssel und offene Vorhängeschlösser
ABB. 08Wissen № 08
Inhalt11 Abschnitte
  1. § 01 Die Zahlen aus der Schublade
  2. § 02 Warum gute Technologie strandet
  3. § 03 Das Missverständnis: Carve-out als Transaktion
  4. § 04 Die Einsicht: Ein Carve-out ist ein Company Build
  5. § 05 Bau das M&A-Ziel, das du sonst zurückkaufen müsstest
  6. § 06 Eine Leitplanke: Nicht jedes Patent ist ein Venture
  7. § 07 Was sich dadurch im Mutterunternehmen ändert
  8. § 08 Der Zoom-out: Ein Teil der Lösung ist längst bezahlt
  9. § 09 Das Prinzip: Herauslösen, um aufzubauen
  10. § 10 Der Kreis schließt sich
  11. § 11 Quellen

Elf Ausgründungen, zusammen doppelt so viel wert wie der Konzern, der sie hat gehen lassen. Der Konzern heißt Xerox. Zwischen 1979 und 1998 verlassen 35 Projekte seine Forschungszentren, allen voran das berühmte PARC, nachdem die interne Finanzierung ausgelaufen ist. Henry Chesbrough hat ihren Weg später nachverfolgt. 24 davon wurden kaum etwas. Die anderen elf brachten es am Ende zusammen auf das Doppelte des Börsenwerts von Xerox selbst.

Heute sieht das in vielen Konzernlaboren nicht anders aus. Eine Technologie steht bei Reifegrad drei bis vier, die Ergebnisse sind gut, die Patente angemeldet. Die interne Prüfung ergibt: passt in keine Business Unit. „Strategisch interessant, aber nicht unser Kerngeschäft." Das Budget wird umgeschichtet, der leitende Wissenschaftler geht. Fünf Jahre später legt das M&A-Team dem Vorstand ein Start-up vor, das genau in diesem Feld unterwegs ist. Die Bewertung ist sportlich.

Dieselbe Technologie. Einmal in der Schublade, einmal draußen. Den Unterschied zahlt am Ende der, der sie liegen ließ.

Die Zahlen aus der Schublade

Dass Unternehmen auf ungenutzter Technologie sitzen, ist keine Stammtischweisheit. Es ist gut vermessen. Die PatVal-Erhebung unter tausenden europäischen Erfindern, veröffentlicht in Research Policy, kommt auf rund 36 Prozent europäischer Patente, die weder industriell noch kommerziell genutzt werden. Bei großen Unternehmen sind es rund 40 Prozent, bei kleinen nur 18. Je größer das Haus, desto voller die Schublade.

Ehrlicherweise gehört dazu: Etwa die Hälfte dieser ungenutzten Patente halten Unternehmen bewusst, um Wettbewerber zu blockieren. Der Rest schläft einfach. Eine US-Studie von Walsh, Lee und Jung zeigt dasselbe Muster aus anderer Richtung: Nur 55 Prozent der dort untersuchten Patente werden kommerzialisiert, und Nichtnutzung ist häufiger ein Scheitern als eine Strategie.

Bei Hochschulen und Forschungseinrichtungen ist das Bild noch deutlicher. Laut Europäischem Patentamt wird nur gut ein Drittel ihrer patentierten Erfindungen kommerziell genutzt. Für ein Fünftel gibt es nicht einmal einen Plan.

Und das alles vor dem Hintergrund gewaltiger Investitionen. Allein die 322 EU-Unternehmen unter den 2.000 forschungsstärksten Firmen der Welt haben 2023 zusammen 234 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung gesteckt.

Man bezahlt für die Forschung. Man bezahlt für die Erfindung. Man bezahlt für das Patent und Jahr für Jahr für seine Aufrechterhaltung. Und dann legt man es in die Schublade.

Warum gute Technologie strandet

Der erste Reflex ist, Verschwendung oder Dummheit zu unterstellen. Beides trifft selten zu. Technologie strandet aus Logik, nicht aus Nachlässigkeit.

Sie entsteht in einer Umgebung, die auf wissenschaftliche Exzellenz optimiert ist, nicht auf kommerzielle Skalierung. Sie ist oft hervorragend. Aber sie passt nicht in die Kernstrategie. Sie bräuchte einen eigenen Markt, ein eigenes Team, einen eigenen Vertrieb und eine eigene Risikobereitschaft. Und niemand im Haus hat dafür gleichzeitig das Mandat, die Zeit und den Anreiz.

Der Draghi-Bericht liefert die tiefere Erklärung: Europäische Unternehmen sind auf reife Technologien spezialisiert, in denen das Potenzial für Durchbrüche begrenzt ist. Draghi spricht von der „Middle Technology Trap". Und er formuliert das Problem ohne Umschweife: Europa fehlt es nicht an Ideen, Europa scheitert daran, Innovation in Kommerzialisierung zu übersetzen.

Dazu kommt eine schlichte Asymmetrie. Im Konzern sind die Kosten eines Versuchs sichtbar, der Ertrag ist ungewiss. Und die Menschen, die eine Technologie am besten in den Markt bringen könnten, wollen das selten in einer Konzernabteilung tun. Sie wollen ein Venture, Gründeranteile und eine saubere Bühne.

Das ist die Definition von gestrandetem IP: wertvolle Technologie ohne organisatorischen Pfad zum Markt. Zu gut zum Wegwerfen. Zu fremd zum Behalten.

Das Missverständnis: Carve-out als Transaktion

Wenn Konzerne über Carve-outs reden, meinen sie meistens einen Deal. Eine Einheit wird abgespalten, verkauft, an die Börse gebracht. Bilanz bereinigt, Fokus geschärft, Pressemitteilung raus.

Die Zahlen zu diesem Modell sind ernüchternd. McKinsey hat 2026 große Spin-offs untersucht: Bei 55 Prozent haben Mutter und Ausgründung drei Jahre nach der Trennung zusammen eine negative Aktionärsrendite. Bain hat die Renditen von Private-Equity-Carve-outs ausgewertet: Vor 2012 lag das durchschnittliche Multiple bei rund dem Dreifachen des eingesetzten Kapitals, seitdem bei 1,5.

Das ist kein Argument gegen Carve-outs. Es ist ein Argument gegen Carve-outs als Transaktion. Bain zieht selbst den Schluss: Der Wert kommt heute nicht mehr aus der Finanzarchitektur, sondern aus dem Aufbau von Wachstum. Wer eine Einheit nur umhängt, verschiebt Kosten. Wer ein Unternehmen baut, schafft Wert.

Die Einsicht: Ein Carve-out ist ein Company Build

Gestrandete Technologie braucht kein neues Etikett, sondern ein Gefäß: ein eigenständiges Unternehmen mit eigenem Team, eigenem Markt und eigenem Kapital. Und dieses Unternehmen muss erst gebaut werden.

Das folgt einer klaren Reihenfolge. Zuerst die Reife von IP und Technologie prüfen. Dann den kommerziellen Pfad kartieren: welcher erste Markt, welche Zahlungsbereitschaft, welche minimal nötige technische Leistungsfähigkeit. Dann das Gründerteam finden. Dann Lizenz-, Eigentums- und Anreizstruktur entwerfen. Und erst dann die Gesellschaft gründen, das IP übertragen oder lizenzieren, finanzieren und starten.

Das Entscheidende an dieser Konstruktion: Der Eigentümer muss nicht alles hergeben, um etwas zu gewinnen. Die Technologiequelle behält eine Minderheitsbeteiligung, also Aufwärtspotenzial ohne operative Last. Das Wachstum finanzieren Investoren von außen, nicht die eigene Bilanz. Aus einem Buchwert, der nur Gebühren verursacht, wird ein Anteil an einem wachsenden Unternehmen.

Auch steuerlich macht die Struktur einen Unterschied. Ein direkter IP-Verkauf wird in Deutschland voll besteuert. Bei einer Konstruktion aus Lizenz und Beteiligung ist ein späterer Exit über die Anteile für Kapitalgesellschaften nach § 8b KStG dagegen weitgehend steuerfrei. Welche Struktur im Einzelfall passt, gehört auf den Tisch eines Steuerberaters. Dass die Struktur zählt, steht fest.

Bau das M&A-Ziel, das du sonst zurückkaufen müsstest

Jetzt der Teil, über den Vorstände selten laut reden. Die Technologie, die du heute nicht kommerzialisierst, verschwindet nicht. Jemand anders baut sie. Und vielleicht kaufst du sie später zurück, zum Mehrfachen.

Cisco hat daraus ein Modell gemacht und dabei gezeigt, was es kostet. Den Netzwerkspezialisten Nuova hat Cisco finanziert, 80 Prozent gehalten und sich eine Kaufoption auf den Rest gesichert. Für die verbleibenden 20 Prozent waren am Ende bis zu 678 Millionen Dollar fällig. Bei Insieme hielt Cisco rund 84 Prozent und eine Put-/Call-Option, die übrigen Anteilseigner konnten bis zu 863 Millionen Dollar an Meilensteinzahlungen erhalten.

Das ist nicht billig. Aber es sind Konditionen, die Cisco selbst definiert hat, und nicht der Preis, den ein Bieterwettkampf am offenen Markt diktiert. Genau das ist der Punkt: Ein Carve-out heute heißt ein vertraglich geregelter Rückweg morgen. Lizenz, Partnerschaft oder Übernahme, zu Bedingungen, die du kennst.

Eine Leitplanke: Nicht jedes Patent ist ein Venture

Bevor jemand jetzt seine Patentdatenbank nach Ausgründungen durchforstet: Die meisten ungenutzten Patente sind keine Unternehmen. Eine Expertengruppe der EU-Kommission hat den Anteil der europäischen Patente, die sich überhaupt verwerten ließen, auf 8 bis 24 Prozent geschätzt. Und der Wert ist extrem konzentriert: Ein sehr kleiner Teil der Patente trägt den Großteil des Werts.

Auch bei Xerox wurden 24 der 35 Projekte nichts. Elf haben den Rest mehr als getragen.

Das heißt: Ein Carve-out ist ein Auswahlspiel. Die Arbeit liegt nicht darin, möglichst viel aus der Schublade zu holen. Sie liegt darin, das Richtige zu finden, sauber zu prüfen und dann konsequent zu bauen. Menge ist kein Ziel. Treffer sind es.

Was sich dadurch im Mutterunternehmen ändert

Ein Carve-out wirkt nicht nur nach außen. Er gibt dem Management die Quartale zurück, die es sonst in die Verteidigung eines Projekts gesteckt hätte, das in keine Struktur passt. Und er ist ein Signal nach innen: Dieses Unternehmen bringt Forschung in den Markt, nicht nur in Präsentationen. Das zieht genau die Leute an, die man in Forschung, Strategie und Innovation halten will.

Ein Unterschied zum klassischen Verkauf einer Sparte gehört auch dazu. Wer eine laufende Einheit abspaltet, kämpft danach oft mit verwaisten Fixkosten und sinkenden Margen. Wer Technologie ausgründet, die heute keinen Umsatz macht, hat dieses Problem kaum. Es wird kein laufendes Geschäft zerschnitten. Es wird eines gebaut.

Der Zoom-out: Ein Teil der Lösung ist längst bezahlt

Europa diskutiert seit Jahren über seine Innovationsschwäche und greift dabei meist zu den teuersten Mitteln: mehr Förderung, mehr Programme, mehr Forschung. Das Naheliegende wird übersehen. Ein erheblicher Teil der Lösung muss nicht erst erfunden werden. Er ist erforscht, patentiert und bezahlt. Er muss nur herausgelöst werden.

Die Frage ist nicht in erster Linie, ob Europa genug erfindet. Die Frage ist, ob es das, was es schon erfunden hat, jemals auf die Straße bringt.

Das Prinzip: Herauslösen, um aufzubauen

Wie sähe ein System aus, das gestrandetes IP tatsächlich in Unternehmen verwandelt? Es hätte vier Eigenschaften.

Erstens: Auswahl vor Menge. Jede Technologie wird geprüft, bevor irgendjemand eine Gesellschaft gründet: technologische Differenzierung, echte Nachfrage, tragfähige Venture-Ökonomie, das richtige Timing.

Zweitens: Aufbau statt Abspaltung. Erst der Markt, dann das Team, dann die Struktur, dann das Kapital. Ein Carve-out endet nicht mit der Unterschrift. Er fängt damit an.

Drittens: Beteiligung statt Verkauf. Lizenz und Minderheitsbeteiligung statt Einmalerlös, mit einem vertraglich geregelten Rückweg: Lizenz, Partnerschaft oder Übernahme zu vorab definierten Bedingungen.

Viertens: Die Verbindung zum Labor bleibt. Die Erfinder bleiben im Orbit des Unternehmens, als Beirat, Entwicklungspartner oder Pilotkunde. Die Wissenschaft verlässt das Haus nicht. Sie bekommt eine Struktur, die zu ihr passt.

Der Kreis schließt sich

Xerox hat einige der wichtigsten Technologien seiner Zeit erfunden und anderen beim Geldverdienen zugesehen. Das Konzernlabor von heute ist auf dem besten Weg dorthin. Beide hatten die Technologie zuerst.

Ein Patent in der Schublade ist eine Wette, die man bezahlt, aber nie gespielt hat.

Die teuerste Technologie ist nicht die, die scheitert. Es ist die, die nie aus der Schublade kommt.

Quellen

  • Giuri, Mariani et al., „Inventors and Invention Processes in Europe: Results from the PatVal-EU Survey", Research Policy 36 (2007), Tab. 6–7: rund 36 % europäischer Patente ungenutzt, große Unternehmen 40 %, kleine 18 % — doi.org
  • Torrisi, Gambardella, Giuri, Harhoff, Hoisl, Mariani, „Used, Blocking and Sleeping Patents: Empirical Evidence from a Large-Scale Inventor Survey", Research Policy 45 (2016) — doi.org
  • Walsh, Lee, Jung, „Win, Lose or Draw? The Fate of Patented Inventions", Research Policy 45 (2016): 55 % kommerzialisiert, Scheitern häufiger als Blockade — doi.org
  • Europäisches Patentamt, „Valorisation of Scientific Results: Patent Commercialisation Scoreboard" (2020), S. 27: 36 % genutzt, 42 % geplant, 21 % ohne Plan — epo.org
  • Europäische Kommission, „Towards Enhanced Patent Valorisation for Growth and Jobs", SWD(2012) 458 (2012), S. 5–6: 8–24 % der Patente verwertbar — ec.europa.eu
  • Europäische Kommission JRC, „The 2024 EU Industrial R&D Investment Scoreboard" (2024): 322 EU-Unternehmen, 234 Mrd. € F&E 2023 — jrc.ec.europa.eu
  • Mario Draghi / Europäische Kommission, „The Future of European Competitiveness, Part A" (2024), S. 6, 28, 29: reife Technologien, „Middle Technology Trap", Scheitern an der Kommerzialisierung — commission.europa.eu
  • Henry W. Chesbrough, „Why Companies Should Have Open Business Models", MIT Sloan Management Review 48(2) (2007), S. 23: informelle Schätzung, 5–25 % der Patente genutzt — sloanreview.mit.edu
  • Henry W. Chesbrough, „Graceful Exits and Missed Opportunities: Xerox's Management of Its Technology Spin-off Organizations", Business History Review 76(4) (2002), und „Open Business Models", Kap. 2 (2006): 11 von 35 Ausgründungen mit doppeltem Xerox-Börsenwert — berkeley.edu
  • Cisco Systems, „Cisco Completes Acquisition of Nuova Systems" (2008), und Form 10-K, Geschäftsjahr 2013: Spin-in mit Kaufoption, bis zu 678 Mio. bzw. 863 Mio. USD — cisco.com · sec.gov
  • McKinsey & Company, „Beating the Odds: What Really Matters for Successful Spin-offs" (2026): 55 % großer Spin-offs mit negativer Gesamtrendite nach drei Jahren — mckinsey.com
  • Bain & Company, „PE-Backed Carve-Outs Used to Be Reliable Winners. So What Happened?" (2025): Multiple 3,0x vor 2012, 1,5x seitdem — bain.com
  • Deloitte UK, „Unlocking Value: Approaching Stranded Costs in M&A" (2025): Margenrückgang nach Desinvestitionen — deloitte.com
  • § 8b KStG, § 6 Abs. 6 EStG — gesetze-im-internet.de
mantro team collaborating on a venture project

Wir schreiben nicht nur darüber. Wir setzen es um.

Die meisten Unternehmen scheitern nicht an Ideen — sie scheitern an der Umsetzung. Wir arbeiten mit Teams zusammen, um Methoden wie diese in konkrete Ergebnisse zu verwandeln: klarere Entscheidungen, schnellere Lieferung, messbarer Impact.

Lass uns reden

Du willst eine Idee testen, eine Initiative entblocken oder einfach herausfinden, ob wir die richtigen Partner für dich sind? Schreib uns — kein Pitch nötig.

Direkt zum CEO

30 Minuten. Unverbindlich.

Nachricht schreiben
Adresse
Zielstattstr. 19
81379 München
E-Mail
hello@mantro.net
Social
LinkedIn (öffnet in neuem Tab)

Termin buchen