Inhalt11 Abschnitte
- § 01 Das Paradox: Weltklasse-Forschung, zu wenige Unternehmen
- § 02 Das Missverständnis: Es liegt an den Gründern. Oder am Geld.
- § 03 Wo die Kette reißt
- § 04 Die Einsicht: ein institutionelles Problem, kein Gründerproblem
- § 05 Das Zugeständnis: Es tut sich etwas
- § 06 Eine Leitplanke: Konditionen sind Reibung, kein Todesurteil
- § 07 Was sich dadurch ändert: Kapital folgt investierbaren Unternehmen
- § 08 Der Zoom-out: Eine Billion auf dem Tisch
- § 09 Das Prinzip: Die Arbeit dazwischen institutionalisieren
- § 10 Der Kreis schließt sich
- § 11 Quellen
Ein Fünftel der Forschung der Welt. Weniger als ein Zehntel ihrer Deep-Tech-Unicorns. Das ist Europas Bilanz, und sie hat erstaunlich wenig mit den Gründern zu tun.
Die Wissenschaft ist da. Der Gründungswille auch. Was fehlt, ist die Maschinerie dazwischen.
Das Paradox: Weltklasse-Forschung, zu wenige Unternehmen
Die EU und Großbritannien verfassen zusammen rund 20 Prozent der weltweiten Forschungspublikationen. Von den Deep-Tech-Unicorns der Welt entstehen aber nur 8 Prozent in Europa. Das ist schon eine Verdopplung, 2021 waren es 4 Prozent. Trotzdem: Die Wissenschaft ist hier, die Unternehmen entstehen woanders.
Beim Kapital ist das Bild ähnlich. Von 2021 bis 2025 haben US-Deep-Tech-Firmen rund 389 Milliarden Dollar Venture-Kapital eingesammelt, europäische rund 94 Milliarden. Rund das Vierfache. Und Mario Draghi hält in seinem Bericht zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit fest, dass in den vergangenen fünfzig Jahren kein einziges EU-Unternehmen mit über 100 Milliarden Euro Börsenwert von null aufgebaut wurde.
Das Missverständnis: Es liegt an den Gründern. Oder am Geld.
Die übliche Erklärung kennt jeder. Europäer sind zu risikoscheu, Forscher wollen nicht gründen, und wenn doch, fehlt das Geld. Beides greift zu kurz.
Am Anfang fehlt es weder an Gründungswillen noch an Kapital. Dealroom stellt im European Deep Tech Report 2025 fest, dass Frühphasenkapital reichlich vorhanden ist. Das Problem sitzt eine Stufe früher: zwischen dem Labor, in dem die Technologie funktioniert, und der Cap Table, auf die ein Investor schauen könnte.
Versteh mich nicht falsch: In der Wachstumsphase fehlt Europa sehr wohl Geld. 70 Prozent der großen Late-Stage-Finanzierungen europäischer Deep-Tech-Firmen kommen von Investoren außerhalb Europas. Bei Runden ab 15 Millionen Dollar stammen nur 54 Prozent des Kapitals aus Europa, in den USA sind es 80 Prozent aus dem eigenen Land. Dealroom beziffert die jährliche Lücke auf 4 bis 24 Milliarden Dollar. Das ist ein echtes Problem. Es ist aber ein Problem für Unternehmen, die es schon gibt. Und davon gibt es zu wenige.
Wo die Kette reißt
So sieht das im Einzelfall aus. Ein Institut an einer europäischen Universität. Der Sensor-Prototyp läuft seit Monaten stabil, das Patent ist angemeldet, eine Doktorandin würde gern gründen. Im Technologietransfer sitzen zwei Leute, zuständig für ein paar hundert Erfindungen. Das erste Angebot der Hochschule: ein Drittel der Anteile. Die Verhandlung dauert fast ein Jahr. Ein Investor, den sie zwischendurch trifft, ist freundlich: „Kommt wieder, wenn ihr eine Firma habt, einen CEO und erste Kunden." Am Ende nimmt sie ein Angebot aus der Industrie an. Der Prototyp läuft weiter. Im Labor.
Dass das kein Einzelfall ist, zeigen die Zahlen. Das Europäische Patentamt hat 2020 Hochschulen und Forschungseinrichtungen in ganz Europa befragt. Nur rund ein Drittel ihrer patentierten Erfindungen wird kommerziell genutzt. Für ein Fünftel gibt es nicht einmal einen Plan. Draghi zitiert genau diese Zahl als Beleg dafür, dass Europas Innovationskette beim Übergang von der Forschung in die Kommerzialisierung bricht.
Warum, zeigt dieselbe Erhebung. Die Ressourcen der Transferstellen reichen nach eigener Einschätzung nur für 37 Prozent der patentierten Erfindungen. Mehr als die Hälfte hat zehn oder weniger Beschäftigte, und in 52 Prozent kümmern sich ein bis drei Leute um die Vermarktung von Patenten. Das ist kein Vorwurf an diese Leute. Sie sind schlicht zu wenige für den Job.
Dazu kommen die Konditionen. Der Independent Review of University Spin-out Companies hat 2023 für Großbritannien vermessen, was viele Gründer aus eigener Erfahrung kennen. Investoren berichten, dass große Hochschulanteile Ausgründungen weniger attraktiv machen. Das erste Angebot der Hochschule liegt im Schnitt bei 34 Prozent der Anteile, bei 29 Prozent der Gründer sogar bei 50 Prozent oder mehr. Bis ein Spin-out-Vertrag steht, vergehen im Schnitt elf Monate. Nur 39 Prozent der Gründer halten ihren Deal am Ende für fair.
Die Einsicht: ein institutionelles Problem, kein Gründerproblem
Zwischen Labor und Cap Table liegt eine Menge Arbeit. Die Technologie bewerten. Den ersten Markt finden. Das Gründerteam ergänzen, meistens um jemanden, der verkaufen kann. Lizenz, Anteile und Anreize strukturieren. Eine Geschichte bauen, die ein Investor versteht. Das ist professionelle Venture-Building-Arbeit, und sie hat in Europa meistens kein Zuhause.
Hochschulen haben dafür kein Budget. Transferstellen haben nicht die operative Muskelkraft. Investoren steigen erst ein, wenn es ein Unternehmen gibt. Und die Doktorandin soll das alles nebenbei lernen, während sie noch ihre Dissertation schreibt.
Das Tal zwischen Forschung und Markt ist kein Naturgesetz. Es ist schlicht der Ort, an dem niemand zuständig ist.
Das Zugeständnis: Es tut sich etwas
Fairerweise muss man sagen: Europas Ausgründungen werden mehr. Seit 2019 kommen laut Dealroom 37 Prozent der neuen Deep-Tech-Startups aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen, deutlich mehr als im Jahrzehnt davor. Insgesamt sind seit 1990 über 7.300 Ausgründungen in Deep Tech und Life Sciences entstanden, zusammen rund 398 Milliarden Dollar wert.
Nur: Ein großer Teil davon konzentriert sich auf eine Handvoll Hochschulen. Oxford, Cambridge, die ETH Zürich, die EPFL und die TU München führen die Liste an. Also genau die Häuser, die sich eine eigene Venture-Maschinerie aufgebaut haben. Das widerlegt die These nicht. Es beweist sie. Wo die Maschinerie existiert, entstehen Unternehmen. Wo sie fehlt, bleiben Prototypen.
Eine Leitplanke: Konditionen sind Reibung, kein Todesurteil
Bevor jetzt jemand die Transferstellen zum Sündenbock macht: Die Konditionen werden besser. In Großbritannien ist der durchschnittliche Hochschulanteil in zehn Jahren von rund 25 auf rund 18 Prozent gesunken, die führenden Universitäten liegen inzwischen oft bei 5 bis 15 Prozent und damit auf US-Niveau. Und Forschung, die der britische Review zitiert, findet nur einen kleinen Effekt der Anteilshöhe auf die Chance, VC-Geld zu bekommen.
Die eigentlichen Kosten sind die elf Monate, das verlorene Vertrauen und die Gründerin, die in der Zwischenzeit woanders anfängt. Faire Konditionen sind notwendig. Aber sie ersetzen nicht die Arbeit, die nötig ist, damit aus einer Erfindung ein Unternehmen wird.
Was sich dadurch ändert: Kapital folgt investierbaren Unternehmen
Es gibt noch einen zweiten Effekt, der oft übersehen wird. Die Wachstumslücke beim Kapital ist zum Teil eine Folge der Lücke davor. Wer zu wenige investierbare Unternehmen hervorbringt, zieht zu wenig Kapital an. Und wer zu wenig Kapital hat, baut keine großen Fonds, die Series-B-Runden anführen können.
Schweden zeigt, dass es anders geht. Dort flossen bis Ende 2024 laut McKinsey 65 Prozent der Startup-Finanzierungen in Deep Tech, und Pensionskapital wird doppelt so stark in Venture Capital investiert wie im europäischen Schnitt. Kapital kommt, wenn es etwas gibt, in das es sich zu investieren lohnt.
Der Zoom-out: Eine Billion auf dem Tisch
McKinsey hat 2025 durchgerechnet, was passieren würde, wenn die großen europäischen Volkswirtschaften die bewährten Praktiken der erfolgreichsten Deep-Tech-Standorte übernehmen: bis zu einer Billion Dollar zusätzlicher Unternehmenswert und mehr als eine Million neue Jobs bis 2030.
Draghi beschreibt das Problem ohne Umschweife: Europa scheitert daran, Innovation in Kommerzialisierung zu übersetzen. Er nennt dafür mehrere Gründe, von der Regulierung bis zur Fragmentierung. Vieles davon braucht Brüssel. Die Maschinerie zwischen Labor und Cap Table braucht Brüssel nicht. Die kann man bauen, heute, Hochschule für Hochschule.
Das Prinzip: Die Arbeit dazwischen institutionalisieren
Wie sähe ein System aus, das zwischen Labor und Cap Table tatsächlich funktioniert? Es hätte vier Eigenschaften.
Erstens: Ein echtes Building-Team, kein Coach. Leute, die Technologien bewerten, Märkte finden, Teams ergänzen und Firmen gründen, und zwar als Beruf, nicht als Nebentätigkeit.
Zweitens: Faire Standardkonditionen von Anfang an. Ein kleiner, klar definierter Anteil für die Einrichtung, eine Cap Table, auf der die Gründer die größte Gruppe bleiben, und ein Vertrag in Wochen statt in elf Monaten.
Drittens: Der erste Check liegt bereit. Wer baut, sollte auch investieren können. Dann startet das Fundraising nicht kalt, und die Lücke zwischen Bauen und Finanzieren schließt sich.
Viertens: Ein Netzwerk statt einer Insel. Keine einzelne Hochschule hat genug Industriepartner, Pilotkunden und Co-Investoren. Ein Netzwerk über mehrere Einrichtungen und Regionen hat sie.
Der Kreis schließt sich
Die Doktorandin war keine schlechtere Gründerin als die Teams in Oxford, Cambridge oder an der ETH. Ihre Technologie war nicht schwächer. Sie war nur an einem Ort, an dem niemand für den Weg zuständig war.
Europa fehlt es nicht an Erfindungen. Es fehlt die Maschinerie, die aus Erfindungen Unternehmen macht.
Quellen
- U.S. National Science Board / NCSES, „Science & Engineering Indicators 2025: Publication Output by Geography and Scientific Field" (2025): EU-27 17,0 %, EU-27 und Großbritannien 20,0 % der weltweiten Publikationen (2023) — nsf.gov
- McKinsey & Company, „Europe's Deep-Tech Engine Could Spur $1 Trillion in Economic Growth" (2025): 8 % der Deep-Tech-Unicorns in Europa (2024, 2021: 4 %), Schweden 65 %, bis zu 1 Billion USD und 1 Mio. Jobs bis 2030 — mckinsey.com
- Dealroom / Lakestar / Walden Catalyst, „The 2026 European Deep Tech Report" (2026): USA vs. Europa 2021–2025 (S. 38), 70 % Late-Stage-Kapital von außerhalb Europas, 54 % vs. 80 %, Lücke 4–24 Mrd. USD (S. 52), 37 % Ausgründungen (S. 72) — dealroom.co
- Dealroom / Lakestar / Walden Catalyst, „The 2025 European Deep Tech Report" (2025): reichlich Frühphasenkapital — dealroom.co
- Dealroom et al., „European Spinouts Report 2025" (2025): 7.300+ Ausgründungen in Deep Tech und Life Sciences, 398 Mrd. USD Gesamtwert — dealroom.co
- Mario Draghi / Europäische Kommission, „The Future of European Competitiveness, Part A" (2024), S. 6, 29: kein EU-Unternehmen über 100 Mrd. € von null in 50 Jahren, nur rund ein Drittel der Hochschulpatente genutzt — commission.europa.eu
- Europäisches Patentamt, „Valorisation of Scientific Results: Patent Commercialisation Scoreboard" (2020): 36 % genutzt, Ressourcen reichen für 37 %, 52 % mit ein bis drei Personen für die Vermarktung — epo.org
- Tracey, Williamson / UK DSIT und HM Treasury, „Independent Review of University Spin-out Companies" (2023), S. 12–21: Hochschulanteil 25 % → 18 %, Erstangebot im Schnitt 34 %, elf Monate bis zum Deal, 39 % halten den Deal für fair — gov.uk




